Im „Frankenstein“ auf dem Sofa im belgischen Cockpit sitzen

Flag-Ceremony, Formal Dinner, Tiger Games – es gibt viele Events, bei denen der Austausch der beteiligten Nationen gefördert wird. Unverzichtbar bei jedem NATO Tiger Meet sind auch die Backseat-Flights. Dabei wird Piloten die Gelegenheit geboten, wechselseitig in Kampfflugzeugen anderer Nationen mitzufliegen. Beim diesjährigen Tiger Meet gab es einen Austausch mit den Tree-One-Kameraden von der „Belgische Luchtmacht“.

 

„Kostümprobe“ bei den Belgiern: über den gasdichten (deutschen) Kälteschutzanzug kommt der (belgische) Anti-G-Anzug. (Quelle: Luftwaffe/Johannes Heyn)

 

Hauptmann Thomas Schneider greift sich an den Kragen seines gasdichten Kälteschutzanzuges und geht tief in die Hocke. Danach ist er merklich schlanker. „Die Luft muss raus, sonst komm ich in den Anti-G-Anzug nicht rein“, erklärt er, während er sich von dem belgischen Kameraden beim Anpassen helfen lässt. Weil auch über dem Atlantik geflogen wird und ein Absturz über Wasser nicht ausgeschlossen ist, ist der bei den Soldaten „Frankenstein“ genannte Anzug Pflicht. Thomas Schneider ist zum ersten Mal beim Tiger Meet dabei und kann zum ersten Mal in einem Kampfflugzeug einer anderen Nation mitfliegen – und ist schon sehr gespannt.

Mehr Power dank weniger Gewicht Die F-16 kennt Schneider bisher nur vom Sehen während seiner Ausbildung in Holloman, Texas. Deswegen hat der Tornado-Pilot schon mal die Leistungsdaten verglichen: ein Triebwerk statt wie beim Tornado zwei, aber in der Summe der gleiche Schub. Weil aber die F-16 mit acht Tonnen Startgewicht sechs Tonnen leichter ist, erwartet Schneider eine wesentlich höhere Wendigkeit. „Die Herausforderung wird sein, mehr G’s in einem längeren Zeitraum auszuhalten“, sagt er mit großem Respekt.

Der tiefere Sinn des NATO Tiger Meet (NTM) ist nicht zu sehen, wer wen bei den simulierten Luftkämpfen abschießen kann, sondern operationell voneinander zu lernen und gegenseitig Übungspartner zu sein. Freilich findet ein Großteil an Erfahrungsaustausch am Boden in Technikhallen, Briefings und beim gemeinsamen Essen statt. Nicht zuletzt treffen sich die Piloten am Himmel über den Pyrenäen und dem Golf von Biskaya – ob in der Aggressor- oder in der Verteidiger-Rolle. Aber den Piloten-Kameraden im eigenen Cockpit mitzunehmen und ihm länderspezifische Verfahren oft in ein und demselben Flugzeugtyp zu zeigen, treibt den Übungszweck beim Tiger Meet auf die Spitze.

 

Einweisung in ein ungewohntes Cockpit durch den belgischen F-16 – Piloten „Sprinkler“: ganz wichtig ist die Aktivierung des Schleudersitzes. (Quelle: Luftwaffe/Johannes Heyn)

 

„Im Vorfeld waren viele Absprachen notwendig, um diese backseat-rides zu genehmigen“, berichtet der deutsche Kommandoführer Markus D. In Mont-de-Marsan hat sich in diesem Jahr ein Treffen von schwarz-rot-gold und schwarz-gelb-rot ergeben. Die Belgier vom Fliegerhorst „Kleine Brogel“ in Flandern nutzen eine zweisitzige Version ihrer F-16 und nehmen den Tornado-Piloten Schneider mit. Die Deutschen vom Taktischen Luftwaffengeschwader 51 „Immelmann“ bieten den Sitz des Waffensystemoffiziers (WSO) einem belgischen F-16 Piloten an. „Wir versuchen heute eine Luftverteidigungsbasis anzugreifen, freilich wird das aber nicht unbemerkt bleiben“, vermutet der Schleswiger Pilot. Welche Folgen sich daraus ergeben, weiß er noch nicht in Gänze, denn das Szenario ist nicht statisch durchgeplant, sondern läuft dynamisch-flexibel ab.

Ungewohnte Sitzposition auf dem zweiten statt auf dem ersten Sitz

Nach dem Shuttle zum Flieger, an dem der Techniker schon eine Leiter bereit gestellt hat, heißt es Platz zu nehmen. Völlig ungewohnt ist für Schneider die flache, 30 Grad geneigte Rückenlehne, „fast wie auf dem Sofa“, stellt er fest. Damit soll das Einwirken der G-Kräfte auf die Wirbelsäule minimiert werden. Sein F-16 – Kommandant Captain „Sprinkler“, so sein Tarnname, kommt erst jetzt vom letzten Briefing. Kleine Einweisung, vor allem zum Aktivieren des Schleudersitzes kurz vor dem Takeoff, dann geht es auch schon an das Abarbeiten der Checkliste während sich das Kabinendach schließt.

Die F-16 mit belgisch-deutscher Crew rollt zur Startbahn, der Belgier zeigt in guter Tiger-Manier die Krallen. (Quelle: Luftwaffe/Johannes Heyn)

 

Und da stellt Schneider auch schon den zweiten großen Unterschied fest: während beim Tornado mindestens vier Warte bei den verschiedenen Checks um die Maschine wirbeln und sich ein Dutzend Techniker in Sichtweite in Bereitschaft hält, ist es hier nur ein einziger. Die F-16 rollt los und Sprinkler reiht sich mit fünf anderen belgischen F-16 zum Start ein.

 

Gleicher Schub wie der Tornado aber um Welten leichter: die belgische F-16 beim Nachbrenner-Start mit nur einem Triebwerk. (Quelle: Luftwaffe/Johannes Heyn)

Leicht verschwitzt und mit roten Helm-Abdrücken im Gesicht kehrt Schneider nach gut anderthalb Stunden wieder zur 118. Air Base zurück. „An die acht G sind wir leider nicht herangekommen“, stellt er fest, das hätte die Mission nicht erfordert. Eine weitere neue Erfahrung: Als „Backseater“ auf dem zweiten Sitz spüre er die Fliehkräfte plötzlich und ohne Vorwarnung. „Als Pilot ziehe ich selber am Stick, insofern weiß ich jetzt, wie sich der WSO fühlen muss“. Apropos am Stick ziehen: das durfte er auf dem Flug auch mal – wobei der Stick in der F-16 auf der Seite und nicht in der Mitte zu finden ist.

Auch ein Belgier fliegt im Tornado

In der Area zwischen Bordeaux und der Silberküste war er in den vergangenen Tagen mit seinem eigenen Tornado schon unterwegs, deswegen hat ihn nur kurz überrascht, dass er seine Staffelkameraden in „seinem“ Flieger in der Luft getroffen hatte. Ob es Thomas Schneider ist, der am nächsten Tag einen Belgier hinter sich im Tornado „zu Gast“ hat, steht noch nicht fest. Jedenfalls würde der Tornadopilot ihm mit ebensolcher Kameradschaft begegnen. Denn zum Abschluss gab’s ein gemeinsames Erinnerungsfoto und einen Patch, der die erste Flugstunde auf einer F-16 dokumentiert.

Nach einem spannenden „Erstflug“ gab’s für Hauptmann Thomas Schneider ein spezielles Patch für die erste Flugstunde – ob noch weitere folgen? (Quelle: Luftwaffe/Johannes Heyn)

 

Autor: Max-Joseph Kronenbitter

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