Quo Vadis, Drehflügler? – Zum Expertengespräch bei der IDLw

Köln, 29.01.2020. Wenn die Interessengemeinschaft Deutsche Luftwaffe e.V. (IDLw) zu einem Expertengespräch an den traditionsreichen Standort Köln-Wahn einlädt, dann kommen sie alle. Wenn es dann noch um ein so brisantes und aktuelles Thema wie die heimischen Drehflügler geht, bleibt kaum ein Stuhl unbesetzt. So zog es vergangenen Mittwochnachmittag eine Kolonne aus Heeres-, Marine- und Luftwaffenoffizieren, Lobbyisten und Ingenieuren von über 40 Unternehmen nebst eine Handvoll Journalisten ins wolkenverhangene Bonn, um über den aktuellen Stand der Bundeswehr-Hubschrauberflotte und Perspektiven in Punkto Fähigkeiten, Bewaffnung und Personal aufzuklären bzw. sich fachgerecht aufklären zu lassen. NV-Chefredakteur Daniel Kromberg war vor Ort und fühlte sich außerordentlich gut informiert.

Quo Vadis, Drehflügler? – Zum Expertengespräch bei der IDLw
Quo Vadis, Drehflügler? – Zum Expertengespräch bei der IDLw

Den Auftakt der insgesamt fünf Kurzvorträge umfassenden Veranstaltung machte Oberst i.G.  Christian Guntsch, Gruppenleiter im Luftwaffentruppenkommando und selbst erfahrener Luftfahrzeugführer. Er bot den Anwesenden einen klar strukturierten Überblick der von der Luftwaffe genutzten Hubschrauber – angefangen bei den Cougar Mehrzweckhubschraubern der Flugbereitschaft, bis hin zu der zur Ausphasung anstehenden CH-53G – und ging auf aktuelle Entwicklungen im Bestand, der Ausbildung und auf die Personallage ein.

Dabei unterlägen insbesondere die Helikopter-Crews im Einsatzland Afghanistan hohen Belastungen durch das Fehlen benötigter Ersatzteile für die regelmäßig genutzten und in die Jahre gekommenen CH-53. Denn obwohl mittlerweile viele Piloten von CH-53 auf die viel modernere H145M umgeschult werden, um einigen Kameraden die dringend benötigten Flugstunden auf der CH-53 zu ermöglichen, limitiere die prekäre Ersatzteilsituation den operativen Betrieb am Hindukusch zusätzlich. Hinzu komme die Belastung der zu erfüllenden Anforderungen der VJTF (Very High Readiness Joint Task Force) der NATO, die die Regenerierungsphasen der Hubschrauber-Crews weiter verkürzen. Infolge der Umschulungspraxis böte die Ausbildungssituation bei der neuen H145M jedoch Anlass zur Hoffnung, müsse jedoch weiter konsolidiert werden, so Guntsch. Er plädierte für die Anschaffung von Simulatoren und Trainingsgerät, das die Truppe zurzeit noch nicht besitzt – welches die Effizienz des Ausbildungsbetriebs aber signifikant erhöhen würde.

Der vom Auditorium mit Spannung erwartete Kommentar des Luftwaffenobersten zur Beschaffung des neuen Schweren Transporthubschraubers (STH) für die Bundeswehr, die 2021 zwischen den Unternehmen Lockheed Martin/Sikorsky und Boeing entschieden werden soll, fiel dagegen kurz und wenig blumig aus: „Ich konnte mit beiden Hubschraubern schon persönliche Erfahrungen sammeln und kann sagen, es sind beides sehr leistungsfähige Systeme“.

Dem Thema Bewaffnung von Transporthubschraubern stand Guntsch offen gegenüber; es gäbe durchaus Szenarien, in denen ein bewaffneter Transporthubschrauber besser geeignet wäre als eine Kombination aus mehreren Einsatzmustern, etwa für Combat Search and Rescue (CSAR). Diese Fähigkeit könne aber erst im Rahmen der Beschaffung STH genutzt werden, und auch nur, wenn eine simulationsgestützte Ausbildung an den Waffensystemen ermöglicht wird. Anderenfalls drohe aufgrund der Luftraumstruktur und der verfügbaren Truppenübungsplätze in Deutschland ein Flaschenhals im Ausbildungsbetrieb der Crews.

Oberst i.G. Guntsch gab Auskunft über den aktuellen Stand der Drehflüglerflotte der Luftwaffe.
Oberst i.G. Guntsch gab Auskunft über den aktuellen Stand der Drehflüglerflotte der Luftwaffe.

Einen Ausblick in die Zukunft bot auch der Vortrag von Prof. Dr. Christoph Keßler, der für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) Untersuchungen zur Verwendung von sog. Sidesticks (Assistenzsysteme für Luftfahrzeugführer, ähnlich dem bekannten Joystick) im Helikopter angestellt hatte. Seine wissenschaftlich unterfütterten Ausführungen ermöglichten einen Einblick in die Funktionsweise und Möglichkeiten taktiler Systeme, die den Piloten per Resonanzbewegung vor Hindernissen warnen oder daran hindern, das Fluggerät zu überlasten. Keßler knüpfte an die Präsentation der positiven Erfahrungen, die in monatelangen Testreihen mit verschiedenen Arten von Sidesticks gemacht wurden abschließend die Hoffnung, dass diese Komponenten zukünftig auch in den Drehflüglern der Bundeswehr verbaut werden.

Ihm folgten drei Vorträge von Seiten der Industrie, deren Anfang der deutsche Platzhirsch Airbus Helicopters in Gestalt von Mark Henning machte. Der Senior Program Manager ermöglichte einen Einblick in eines der wenigen nahezu reibungslos verlaufenen Beschaffungsprogramme der Bundeswehr, die für die Luftwaffe bereits 15 Maschinen vom Typ H145M LUH SOF in Empfang genommen hatte, bevor 2019 die Auslieferung von 7 Systemen des Typs H145M LUH SAR an das Heer begann. Sicherlich besonders interessant für das Auditorium waren die laufenden und geplanten Neuerungen am H145M, der bei der Truppe hauptsächlich zum Transport von Spezialkräften genutzt wird. Dazu zählten sowohl auslegungstechnische Fortschritte wie die Entwicklung eines 5-Batt-Rotors und die Integration des Lenkflugkörpers Spike ER2, als auch die kommunikationstechnische Einbindung in das Bw-Führungssystem im Rahmen der Initiative D-LBO (Digitalisierung landbasierter Operationen), sowie die Weiterentwicklung der manned-unmanned-Fähigkeiten (in Kooperation mit der österreichischen Firma Schiebel) und die damit einhergehenden Möglichkeiten des im Kontext mit FCAS (Future combat air system) viel erwähnten System-of-Systems-Ansatzes.

: In der abschließenden Gesprächsrunde stellten sich die Vortragenden den Fragen des Auditoriums.
: In der abschließenden Gesprächsrunde stellten sich die Vortragenden den Fragen des Auditoriums.

Das deutsche Schwergewicht Rheinmetall möchte in Zukunft mehr als zuverlässiger Partner der Hubschrauberhersteller und –Beschaffer wahrgenommen werden und schickte mit Dr. Frank Dirksen und Olaf Mittelstädt einen Allrounder und einen Waffenspezialisten in den Ring der IDLw. Nach Vorstellung der Systeme von „Rheinmetall in der Dimension Luft“ ging es mit Verve in medias res, tief in die Möglichkeiten programmierbarer Munition und die Bewaffnung von Transporthubschraubern – nicht ohne den vorherigen Verweis auf Rheinmetall als Partner von Sikorsky bei der neuen Beschaffung STH – mit Rohrwaffen und Raketen.

Das Thema Raketen zog sich auch durch den darauffolgenden Vortrag von Andreas Neumeister, der sich 2019 u.a. auf dem SGW-Forum „Unbemannte Systeme“ und dem National FCAS Summit als MBDA’s Allzweckwaffe in Punkto routinierte Vorträge etabliert hatte. Neumeister berichtete zunächst vom Stand der Produktreihe Brimstone der MBDA UK, die kürzlich ein Software-Upgrade auf Version 3B bekommen hatte, das die Rakete für den Einsatz an Drehflüglern prädestiniert. Und auch der Enforcer, Ende 2019 erst in kleinerer Stückzahl als tragbares Lenkflugkörpersystem für die Spezialkräfte der Bundeswehr bestellt, konnte mittels Update und geringer Änderung der Bauform zur Variante „Enforcer Air“ aufgebohrt werden. Damit bietet sich das System für die Bewaffnung leichter Hubschraubertypen an, die auf bis zu 2.000 Meter zuverlässig gegen verschiedene Ziele wirken müssen. Durch den Einsatz an Hubschraubern der Spezialkräfte würden sich außerdem Synergien ergeben, etwa durch die Möglichkeit, tragbare Enforcer beim Transport der Soldaten am Außenlastträger der Air-Variante zu befestigen, so Neumeister.

Innerhalb der sich an die Vorträge direkt anschließende Fragerunde wurden noch zwei Tatsachen offenbar, die den einen oder anderen Gast aufrüttelten, bevor das Buffet eröffnet wurde: Auf Nachfrage aus dem Auditorium räumte Oberst i.G. Guntsch ein, dass es in der Bundeswehr zurzeit eine echte Fähigkeitslücke im Bereich Combat Search and Rescue (Bewaffnete Such- und Rückführung) gebe, die erst mit Auslieferung des neuen STH (geplant 2024) geschlossen werden könne. Außerdem sei die Beschaffung des Einsatzmusters H145M auch für die Marine geplant – jedoch sei die entsprechende FFF (Fähigkeitslücke und Funktionale Forderung) bisher noch nicht ausgelöst worden, so Guntsch.

Ausgehend von den an diesem Nachmittag vermittelten Informationen bot sich dem Zuhörer bei dieser IDLw-Veranstaltung ein Bild des Aufbruchs in eine Zeit, in der die Mangelverwaltung der Bundeswehr der Vergangenheit angehört und die Helikoptercrews der Zukunft gut ausgebildet und ausgerüstet schwierigste Einsätze mit bemannten sowie unbemannten Systemen unter größten Sicherheitsvorkehrungen flexibel und hochgradig skaliert durchführen können. Bleibt abzuwarten, ob der politische Wille vorhanden ist, um dieses Utopia der Streitkräfte wie auch der wehrtechnischen Industrie mittelfristig auch umzusetzen.

 

Text und Bilder: Daniel Kromberg
Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Newsletter Verteidigung

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