Wenn Spezialkräfte ohne Türen fliegen

Die Aufträge der Spezialkräfte der Bundeswehr sind fast immer gefährlich. Wenn sie mit einem Hubschrauber der Luftwaffe unterwegs sind, werden sie von Bordschützen gegen Beschuss von unten gesichert. Wird der Hubschrauber von Raketen angegriffen, wird seine Selbstschutzanlage ausgelöst. Die Wehrtechnische Dienststelle 61 in Manching untersucht auch für die Luftwaffe, ob dieser automatische Schutz für die Soldaten an den Türen des Helikopters zur Bedrohung werden kann.

 

Eine heiße Sache für Nummer 13. (Quelle: Bundeswehr/WTD 61)

 

Dienstagmorgen, 7:30 Uhr: Während Soldaten anderer Dienststellen den ersten Kaffee trinken, steht in der Wehrtechnischen Dienststelle (WTD) 61 ein knapp 30-köpfiges Team in den Startlöchern. Sie sind bereit zum Abheben. Der Auftrag dieser Woche: Kann sich ein Hubschrauber ohne Türen gegen Lenkflugkörper schützen ohne die Besatzung zu verletzen?

 

Hitze und Rauch bei offenen Türen. (Quelle: Bundeswehr/WTD 61)

 

Auf dem Hallenvorfeld wird der Hubschrauber gestartet. Die Piloten, Ingenieure und Feuerwehrleute sprechen letzte Sicherheitsmaßnahmen ab. In ein paar Minuten wird alles ganz nah an der Realität ablaufen, nur angeschossen wird der Testhubschrauber nicht.

Wie viele Luftfahrzeuge der Bundeswehr ist auch er mit einem Electronic Warfare System (EWS) ausgestattet – ein Selbstschutzsystem, das Lenkflugkörper abwehrt. Dieses System hat, je nach Flugzeugmuster, entweder optische Sensoren, die UV-Strahlung erkennen oder Warnsysteme, die Radarstrahlen wahrnehmen. Erkennt das System eine der beiden Strahlungen, stößt es automatisch Flares aus – kleine Magnesiumfackeln, die sich entzünden und dabei sehr heiß verglühen.

 

Flares können auch kurz hintereinander ausgestoßen werden. (Quelle: Bundeswehr/WTD 61)

 

Das Verschießen der Flares funktioniert auch manuell durch die Piloten – so wie in Manching. Umso realitätsnah wie möglich zu erproben, fliegen die Piloten alle erdenklichen Manöver. Von langsamen Kurven, über schnelle Neigungen bis hin zum Rückwärtsflug. Und in allen Situationen werden Täuschkörper ausgestoßen.

 

Der Bordschütze soll schützen – Flares schützen ihn. (Quelle: Bundeswehr/WTD 61)

 

Glühendes Magnesium – heißer als der Abgasstrahl

Abgefeuerte Raketen entsenden bei ihrem Abschuss Hitze und Licht im nicht sichtbaren Bereich. Sie sind so programmiert, dass ihr Ziel heiß sein muss und der heißeste Punkt eines Luftfahrzeugs ist generell der Abgasstrahl. Wird also eine Rakete auf ein Flugzeug oder Hubschrauber abgefeuert, dann fliegt sie genau da hin. Das Warnsystem des anvisierten Luftfahrzeugs erkennt die Radar- oder UV-Strahlung, stößt die noch heißeren Flares aus und täuscht somit die Rakete und lenkt sie ab.

 

Der Hubschrauber der Luftwaffe fliegt für die Versuche viele unterschiedliche Manöver. (Quelle: Bundeswehr/WTD 61)

 

Die Vorbereitungen laufen kurz vor dem Start auf Hochtouren. Die Testflugingenieure um René Neuser installieren die letzte Messtechnik. Robert Müller, der Leitende des Schießens, kümmert sich um die Sicherheit und Munition. Temperatursonden werden auf den Helikopter geklebt, die Piloten stellen Frequenzen ein, die Feuerwehr ist in Bereitschaft.

Für den ersten Tag liegen 360 Magnesiumfackeln bereit. Auf dem Flugfeld drehen sich bereits die Rotorblätter – der H145M LUH SOF ist startklar. Der leichte Unterstützungshubschrauber ist gerade Testgerät in Manching. Regulär fliegt er als ‚Nummer 13‘ im Hubschraubergeschwader 64 der Luftwaffe in Laupheim. Mit ihm fliegen die Spezialkräfte direkt an ihre Einsatzorte. Je nach Operation benötigen sie an den offenen Türen des Helikopters einen Bordschützen. Dieser soll beim Ausstoß der Flares natürlich nicht verletzt werden. Ob seine Sicherheit auch bei offener Tür gewährleistet ist oder ob der Schütze in Gefahr ist, testet die WTD 61.

„Ohne Messtechnik wären wir nur ein weiteres Geschwader“

Dann ertönt das monotone Geräusch der Rotorblätter. Der H145M taucht über den Bäumen des angrenzenden Waldes auf. An seinen Türen sitzen zu beiden Seiten lebensgroße Puppen mit den Füßen auf den Kufen. So, wie die Bordschützen der Spezialkräfte. Dann der Countdown über Funk. „Drei – zwo – eins – Feuer!“ Mit einem Knall löst die Selbstschutzanlage aus und 20 Magnesiumfackeln verglühen in etwa 300 Metern Höhe. Der H145M verwirbelt die Rauchschwaden, fliegt Kurven, wird immer schneller und setzt zum nächsten Versuch an. „Drei – zwo – eins – Feuer!“ 120 gleißende Lichtpunkte wirken fast wie ein schönes Feuerwerk – doch sie retten Leben. Da sie heißer als der Abgasstrahl des Hubschraubers sind, hätten sie die Rakete im Ernstfall abgelenkt. Der Hubschrauber wäre ausgewichen.

Was aus der Entfernung eher schön als gefährlich aussieht, ist aus der Nähe vor allem eins – unwahrscheinlich heiß. Oberstleutnant Claus Cordes, Testpilot des H145M und eines der vier Besatzungsmitglieder sagt nach dem Flug: „Das was bei uns ankam, war schon richtig heiß. Aber das waren ja auch circa 2.000 Grad Celsius.“

 

„Die Magnesiumfackeln nahe am Bordschützen. (Quelle: Bundeswehr/WTD 61)

 

Die Flotte der WTD 61 reicht vom Transporthubschrauber über Drohnen bis hin zum Kampfjet und ihre Piloten können das alles fliegen. Den Unterschied macht die Technik. Unzählige Bildschirme, Rechner und Temperaturfühler, Sensoren, Sonden und Kinotheodolite – Kameras, die schnell und vergrößert filmen und Flugbahnen höchst genau vermessen können. Andreas Knoche, Leiter des Bereichs Messtechnik der WTD 61, sagt mit einem Augenzwinkern in seiner großen Schaltzentrale: „Ohne Messtechnik wären wir nur ein weiteres Geschwader. Fliegen können wir auch alles.“

Nun müssen die Versuche ausgewertet werden. Ähnlich wie bei einem Puzzle setzt die WTD 61 in Manching alle Ergebnisse zusammen. Kamerabilder, errechnete Flugbahnen, Temperaturen, Geschwindigkeiten. Ist dieser Bericht komplett, wird entschieden. Darüber, ob die Selbstschutzanlage des H145M ohne Bedenken Flares ausstoßen darf, wenn Spezialkräfte ohne Türen fliegen wollen.

 

Starke Neigung, schnelle Kurven. (Quelle: Bundeswehr/WTD 61)

 

Autor: Sandra Süßmuth

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